Texte/Reden

Manfred Schlüter

Für Boy Lornsen zum 65. Geburtstag

Lieber Boy,

65 Jahre! Vieles aus Deinem Leben kennen wir aus humorigen Geschichten, die Du immer mal wieder aus der Erinnerung hervorholst. Wir wissen aber, dass dort auch andere Geschichten schlummern, die nicht so oft ausgegraben werden …

Die Geschichte, die ich erzählen möchte, beginnt vor ungefähr neun Jahren, als die alte Dorfschule in Hillgroven gerade eben unser Haus geworden war. Mit Freunden, die wir aus unserer Brunsbütteler Zeit kannten, wanderten wir den Nordseestrand entlang, sahen Wellen und Wolken zu und sammelten uns nicht bekannte Pilze, die wir am Deich entdeckten. „Die können wir heute Abend mitnehmen“, schlugen Hartmut und Ella-Elsbeth vor. Sie waren nämlich eingeladen, bei Lornsens in Brunsbüttel. Und sie meinten, wir sollten doch mitkommen. Lornsen? … Natürlich: Boy Lornsen! Deinen Namen und einige Deiner Bücher kannte ich schon, lieber Boy. Aber in den vergangenen Jahren, die wir in Brunsbüttel lebten, Ihr in der Schulstraße und wir am Alten Markt, sind wir uns nicht ein einziges Mal begegnet.

Das sollte sich an diesem Abend ändern. Ganz wohl war uns nicht, als wir vor Eurer violett gestrichenen Haustür standen. Schließlich waren wir gar nicht eingeladen! Doch als wenig später die Pilze in der Pfanne schmorten (Du hattest sie als Tintlinge identifiziert), fühlten wir uns schon fast zu Hause. Wir sprachen über Gott und die Welt und natürlich auch über Autoren, Bücher und Bilder für Bücher …

Bilder für Bücher – das war mein Traum!

Monate später riefst Du an und erzähltest von Deinem Störtebeker, von Magister Wigbold und dem Schiefhals, sprachst von Deinem langjährigen Kampf mit dem Seeräuber … und Du fragtest, ob ich Lust hätte, Deine Geschichte zu illustrieren. Natürlich hatte ich! Bald saßen wir wieder zusammen, segelten mit den Vitalienbrüdern über die Baltische See nach Wisby und Stockholm oder über Kattegat und Skagerrak rauf nach Bergen. Du erzähltest und last vor, und irgendwann war Deine Geschichte auch „meine“ Geschichte.

Ideen begannen zu sprießen, wucherten in unseren Köpfen und über den Tisch, wurden verworfen und wieder aufgegriffen, und jeder Gedanke des einen war fruchtbarer Boden für neue Ideen des anderen. Den groben Kurs hatten wir schnell abgesteckt: Keine Illustrationen, die lediglich das Textgeschehen wiederholen! Und keine „action“-Bilder, aus denen Hanseblut nur so spritzt! Aber: Wie sieht eine Kogge aus, was ist ein Krähennest, wo liegt Santiago de Compostela, und wie genau muss man sich die Dänenfalle des Magister Wigbold im Eis vor Dalarö vorstellen? Diese Fragen mussten beantwortet werden! Und dabei, das war uns inzwischen klar, musste das Bild den Text unterstützen.

In den folgenden Wochen sahen wir uns häufiger. Mittlerweile hatten die Bilder, die in unseren Köpfen herumschwirrten, bereits auf Papier Gestalt angenommen. Obwohl sich diese ersten Skizzen im Laufe weiterer Gespräche noch hier und da verändern sollten, entsprachen sie im Wesentlichen schon den späteren Original-Illustrationen. Im Grunde hatten wir ja auch alles besprochen.

Ja, diese Gespräche! Sie waren für mich, der ich mir bis dahin nur vorstellen konnte, allein zu arbeiten, eine großartige Erfahrung. Wie leicht ließen sich Zweifel ausräumen, gewannen vage Vorstellungen an Klarheit, und wie schnell reiften Ideen in Gesellschaft! Das kann sicher nur so sein, wenn man sich wohl fühlt. Und wohl habe ich mich bei Euch beiden, lieber Boy und liebe Margot, immer gefühlt …

Das alles ist inzwischen acht oder neun Jahre her. Der Störtebeker, unser erstes gemeinsames Buch, ist längst erschienen. Und mit jedem neuen Buch wuchs das Vertrauen in der Zusammenarbeit – und unsere Freundschaft. Ich denke an Williwitt und unsere Fahrt in die Lüneburger Heide. Wir übernachteten in Kösters Gasthof, Deinem Stammquartier bei Lesereise, und suchten dort, in der Nähe von Kohlenförde, nach Vogelmeier, um von ihm mehr über das Leben auf der Vogelinsel zu erfahren.

Das habe ich von Dir gelernt: Was man in Wort und Bild beschreiben will, das muss man kennen, genau kennen! Grund genug für einen weiteren Törn, diesmal mit dem Seenotkreuzer durch die Wattenwelt nach Trischen, unserer Vogelinsel. Dort konnten wir all die Dinge, von denen Vogelmeier erzählt hatte, mit eigenen Augen sehen: das Haus auf Stelzen, den Schalenknacker, die Höhlen der Brandgänse und vieles mehr. Viel mehr, als in einem kleinen Buch für Leseanfänger Platz finden konnte.

Stärker noch als beim Störtebeker gehen in den drei Williwitt-Bänden Wort und Bild aufeinander ein, ergänzen einander. Manchmal sagen ein paar Zeichenstriche eben mehr als viele Worte. Dessen warst Du Dir schon beim Schreiben bewusst. So kam es, dass jede Illustration ihren ganz bestimmten Platz in der Geschichte forderte. Wenn Du beispielsweise von dem runden Ding mit zwei Zeigern erzähltest, musste anschließend das Barometer im Bild erscheinen. Und auch das Funkgerät musste gezeigt werden, bevor Fischermann an den Knöpfen drehen durfte. Es wurde immer deutlicher: Wir müssen das Layout gestalten! Weißt Du noch, wie viele Briefe geschrieben und Ferngespräche geführt werden mussten, bis endlich auch der Verlag davon überzeugt war?

Ach ja, weißt Du noch?! Ich denke an Nis Puk und unsere Fahrt über Eure Insel, auf die Ihr Euch vor einigen Jahren „zurückgezogen“ habt. Als wir starteten, fuhren mit uns elf Puken, die sich nicht sonderlich unterschieden. Alle hatten Knopfaugen und Knollennasen und waren in die gleichen grauen Mäntel gehüllt. Doch oben bei Wenningstedt, wo wir nach Strandholz Ausschau hielten, verfügte der Meckerpuk bereits über seinen Koffer, war der Hochhauspuk schon mit einem Walkman ausgerüstet, und der Schleckerpuk hatte längst seinen Lolli im Mund.

Und als Keitum wieder in Sicht war, stand fest, dass die gesamte Pukenfamilie gleich zu Beginn des Buches vorgestellt werden sollte, um nicht später den Fluss der Erzählung durch langwierige Pukenbeschreibungen immer wieder zu unterbrechen.

So sind sie alle entstanden: Störtebeker und Williwitt, Traugott und das Wildschwein, Nis Puk und Jakobus Nimmersatt. Am Anfang stand immer das Gespräch, mal bei uns in Hillgroven, mal bei Euch auf der Insel.

Und irgendwann sitzen wir wieder am runden Tisch oder in der Stube, wo der Kachelofen knackt und die Luft voll ist von Bildern und Geschichten …

Lieber Boy, ich wünsche uns noch viele gemeinsame Geschichten!


veröffentlicht in der Festschrift
anlässlich des 65. Geburtstages von Boy Lornsen
Thienemann-Verlag, 1987