Texte/Reden

Judith Arlt

Herzlichen Glückwunsch zum Dithmarscher Kulturpreis!

Wir Leute von der LÜÜD können es kaum fassen: Manfred Schlüter bekommt den Dithmarscher Kulturpreis 2017!

"Aus unserer Mitte": Manfred füllt seit Anbeginn der LÜÜD ihre Außenseite und lebt seit fast 40 Jahren am nordwestlichsten Zipfel Dithmarschens. Dort kommt nur noch der Sturm von Westen an. In der Alten Schule, geschützt vom Schlafdeich, denkt, schreibt, zeichnet und malt er über, von und für Klein und Groß. Dort werkelt er an Fundstücken, die ihm die Flut vor die Füße schmeißt, oder einer der Nachbarn vorbeibringt. Die haben sich daran gewöhnt, dass Manfred nicht nur ihr Bürgermeister ist, sondern auch ein begnadeter Verwandler von Müll zu Kunst.

"Und draußen ist die Welt": Mit mir steigt er zuerst auf den richtigen Deich und zeigt mir die Nordsee. Der Himmel ist hier so weit, sagt er, dass die Probleme darunter schrumpfen. Das Wasser ist da und trotzdem weit weg. Sie hätten sich schön blamiert, lacht er, als sie, kaum angekommen, im Sommer 1978 mit den Kindern in Badelatschen loszogen, um den Tag am Strand zu verbringen. Die nächste grüne Badestelle mit Treppe, Dusche, Mülleimer und Kinderspielplatz befindet sich zu Fuß mindestens eine Stunde entfernt. Auflandiger Wind zerrt an unsern Haaren und seinen Erinnerungen. Wir kehren in die Alte Schule zurück und er erklärt mir, wie er aus dem Heft geflogen ist. Sein 107. Text-Bild-Beitrag erscheint unverändert auf U4, der vierten Umschlagseite, wo üblicherweise nur noch Platz für Werbung ist. Aber der Anzeigenkunde fiel aus, und die Macher der ersten Stunde fanden den genialen Lückenbüßer, sie verlegten Manfreds "Und draußen ist die Welt" von dree innen auf veer außen. Die Notlösung hat sich bewährt und ist zum Markenzeichen der LÜÜD geworden. "Weißt du", frage ich den frischgebackenen Dithmarscher Kulturpreisträger, "dass es in Meldorf Leute gibt, die die LÜÜD von hinten anfangen zu lesen?"

Draußen in der Welt hält sich Manfred, der Frieden liebende Mann, wie das Namenslexikon sagt, auch gerne auf. Er verlässt Werktisch, Buchstaben, Farblappen, Treibholz und Schieferplatten sowie den Bürgermeistersessel und fährt auf Lesereise nach Süden, Osten oder Norden. In Schulen und Bibliotheken lässt er Kinder an seinen geschriebenen und gezeichneten Geschichten teilhaben. "Ich habe eine schöne Arbeit", sagt Manfred im Schatten des Schlafdeichs. Ich bin in seine Alte Schule gekommen, um in die verborgenen Winkel seines Werkes zu spähen. Schlicht und einfach schön! "Ich bekomme ganz viel zurück. Kinder lassen sich kein X für ein U vormachen. Sie sind im positiven Sinne hemmungslos!"

Die Braunschweiger Slammerin. Manfred sieht manche seiner kleinen Leser groß werden. Darum beneide ich ihn. Eine Schülerin traf er als Dauerdozent über Jahre in der jeweils nächsten Klasse, bis er sie schließlich auf der großen Bühne, nach offiziellen Reden und Big Band am Mikrophon erlebte. Die Verhältnisse hatten sich umgekehrt, Manfred saß im Publikum und die Schülerin trug das Liebesgedicht eines Schulkameraden vor, der sich selbst nicht getraute. Als Manfred ihr gratulierte, dankte sie ihm, durch ihn sei sie zum Lesen gekommen!

Die Hillgrovener Schäfertochter hingegen saß mit Sieben in der Sandkiste und sprach den Satz gelassen aus: "Und draußen ist die Welt!" Manfred verwahrt alle Kostbarkeiten, die ihm Wind, Wasser oder Kinder entgegenbringen. Er mag aber nicht schubladisieren. Karikatur, Glosse oder Bildergeschichte? Meistens ist das Bild zuerst da, sagt er, aber wichtiger ist das Resultat: "Ideal ist es, wenn der Text nicht ohne das Bild und das Bild nicht ohne den Text funktioniert."

Die beiden letzten Bücher, Der kleine Herr Jemine und Am Anfang, sagte der Apfel sind in Wien erschienen. Manfred ist bei einem Verleger untergekommen, der ihm Briefe wie aus einer anderen Galaxis schreibt: "Wohlgeborener Meister Manfred ...". Autor und Verleger haben sich gefunden: sie machen beide nur, was ihnen gefällt.

Ein Sankt Galler Bub hat ihn auf der Straße erkannt. Manfred tritt oft und gerne in Schweizer Schulen auf. Eines Nachmittags, erzählt er, sei er in St. Gallen mit einer Kollegin durch die Gassen spaziert. Am nächsten Morgen sprach ein Erstklässler die Lehrerin aufgeregt an. Er habe sie am Vortag gesehen, mit einem fremden Mann, in der Stadt: "War das der liebe Gott?"

Der Bart, mittlerweile weiß, steht Manfred tatsächlich zu Gesicht wie dem lieben Gott in der Kinderbibel! Er trage ihn, gesteht er, weil er als Jugendlicher eine Wette abgeschlossen habe. Er sei mit einem Schulfreund durch Norwegen gereist und sie hätten sich unterwegs nicht rasiert. Per Handschlag besiegelten sie: wer den Bart zuerst abnimmt, verliert. Manfred weiß nicht mehr, worum sie wetteten. Er weiß nur, dass er auf keinen Fall verlieren will!

Treu wie Tranquilla Trampeltreu, die beharrliche Schildkröte. Michael Ende hat sie geschrieben, Manfred gezeichnet. Von ihr zehrt er, sagt er, während er Teewasser aufsetzt. Das Buch erlebt in China immer wieder Neuauflagen. Kein Wunder, sage ich, die Chinesen verehren die Schildkröte, sie ist neben Drache, Phönix und Einhorn eines der vier Wundertiere. In Asien bedeutet die Schildkröte langes Leben, Beständigkeit und kosmisches Geheimnis.
Lieber Manfred, genau das wünschen wir Leute von der LÜÜD Dir: unaufhaltsames Verwandeln von Alltäglichkeiten zu universellen kleinen oder großen Kunstwerken! Herzlichen Glückwunsch zum Dithmarscher Kulturpreis!

veröffentlicht in
LÜÜD - Das Magazin für Szene und Kultur in Dithmarschen
Heft 107 - Dezember 2017 / Januar 2018