Texte/Reden

Manfred Schlüter

Laudatio auf Ibrahima Ndiaye (Ibou)

   

"Léébóón. Lipóón."

So beginnt mein schwarzer Bruder oft.
Léébóón. Das heißt: Hier kommt eine Geschichte.
Lipóón. Das heißt: Erzähl mal. Wir hören zu.

Ich möchte auch eine Geschichte erzählen.
Die Geschichte von Ibou, von Ibrahima Ndiaye.
Sie beginnt vor vielen, vielen Jahren in Hannover.
Im Rahmen des Treffpunkts.
Ibou war - wenn ich mich richtig erinnere - zum ersten Mal dabei
und bekam die Gelegenheit, sich uns -
den hundert oder mehr Kolleginnen und Kollegen - vorzustellen.
Ibou trat ans Mikrofon und schilderte seine Lebensreise,
erzählte vom Sénégal, von seinem Studium der Germanistik,
der Romanistik und Anglistik in Dakkar,
und lockte uns schließlich - erzählenderweise - nach Saarbrücken.
Eine Brieffreundin, so sagte er, habe ihm empfohlen,
schnurstracks - er sagte wirklich: schnurstracks -
in die Landeshauptstadt zu kommen, um dort weiter zu studieren
und seine Sprachkenntnisse zu verfeinern.
Ibou sprach unsere Sprache.
Fließend. Ohne Akzent. Die Worte wohlgesetzt.
Zumindest bis zu dem Zeitpunkt in seiner Erzählung,
da er einen saarländischen Mitbürger nach dem Weg fragt -
"Verzeihen Sie, wären Sie so freundlich ..." -
und jener antwortet: "Ei, wasch hascht gmeent?"

"Meine Sprache. Deine Sprache."
Das war das Motto des vergangenen Treffpunkts.
Mein schwarzer Bruder ist in vielen Sprachen zu Hause,
fliegt mühelos von einer in die andere und kennt keine Grenzen,
beherrscht auch die Sprache der Musik und die des Tanzes.
Und er hat die Gabe, mit Menschen "ins Gespräch" zu kommen,
selbst wenn die Worte fehlen.
Durch Zuwendung. Durch Mimik, Gestik.
Durch sein Lachen, seine Herzlichkeit.
Wenn Ibou einen Raum betritt, verändert sich alles.
Die Menschen - die kleinen und die großen -
sie öffnen sich und beginnen zu leuchten.
Doch, doch! Das ist nicht übertrieben.
Nun ja, ein wenig vielleicht. Aber nur ein bisschen.
Ich hab das oft erlebt, wenn wir im selben Schulhaus zu Gast waren.
In Deutschland, in den Kantonen der Schweiz und anderswo.

Ibou ist ein wunderbarer Erzähler.
Er erzählt nicht nur, er lebt in seinen Geschichten.
In jenen, die ihm seine Großmutter (Oma Binta Fall) einst erzählte -
unterm afrikanischen Sternenhimmel,
auf einer Grasmatte im Hof sitzend -
und in seinen eigenen.
Und wir ... wir lauschen ... und folgen ihm,
streifen mit ihm durch Urwald und Savanne,
hören die Schläge der Trommel und den Ruf des Elefanten,
sind bei Bauersleuten zu Gast, bei Prinzen und Prinzessinnen,
erleben Regenzeiten, Trockenzeiten
und wie die Zeit vergeht, vergeht ...

Ibou ist ein wunderbarer Erzähler.
Schön, dass er viele Geschichten aufgeschrieben hat.
Die von Mini-Mini etwa, jener Schlange, die Füße haben wollte.
Die von der Hyäne und den sieben Geißlein.
Die vom Frosch und dem Chamäleon.
Die vom Hasen, der die Tochter des Königs heiratete.
Die vom Mann, der behauptete, Eier legen zu können.
Die vom Zauberkürbis und andere mehr ...

Ich wünsche ihm und uns, dass er nicht aufhört zu erzählen -
mit Worten: geschrieben, gesprochen -
dass er uns noch oft mitnimmt nach Afrika, in den Sénégal,
und uns mit den Märchen und Gebräuchen
seiner ersten Heimat vertraut macht.
Dass er auch zukünftig die Sprache der Musik uns schenkt,
und die des Tanzes.
Dass er uns verzaubert und zum Leuchten bringt ...

"An dieser Stelle", so lässt Ibou viele Geschichten enden,
"an dieser Stelle fällt die Geschichte ins Meer,
und wer ihren Duft als Erster riecht, kommt ins Paradies."

Lieber Ibou, riechst du was?
Ich gratuliere herzlich zum Friedrich-Bödecker-Preis!

Ibou erhielt den Preis im Rahmen des digitalen Treffpunkts
am 18. September 2020 in Hannover.