Texte/Reden

Manfred Schlüter

Für Heiner Egge / Wenn der Nebel in den Tälern liegt, werden die Berge zu Inseln für Heiner Egge

Auf meinem Schreibtisch liegen Briefe und Karten. Und Heiners Bücher natürlich: "Niebuhrslust", "In der Kajüte", "Tanz ohne Seil" und all die anderen. Auch "Café Treibsand". In diesen frühen Aufzeichnungen habe ich die Überschrift gefunden. Sie hatte sich im "Abendhochwasser" versteckt. Berge werden zu Inseln, denke ich, was für ein schönes Bild! Ich lasse den Blick wandern und schaue auf eine Ansichtskarte. Die zeigt ein Haus, das schwimmt im Meer. Landunter bei schwerer Sturmflut. Heiner hat geschrieben. In Wyk auf Föhr. An Bord seiner "Arkje".

"Lieber Manfred, seit einer Woche jetzt schon auf See, manchmal auch ein Hafen, wo es sich gut leben läßt im Achterschiff unterm Sonnensegel (...) Wenn du Lust und Zeit hast, kannst du ja mal rüberkommen und wir segeln ein Stück gemeinsam."

Immer auf See, denke ich, Heiner ist immer auf See. Auch an Land. Zumindest beim Schreiben. Wenn ich seine Texte lese, beginnen die Buchstaben zu tanzen. Seine Worte, Sätze tanzen. Wie die Wellen des Eiderflusses. Wie die Wogen der See. Gleiten dahin bei gutem Wind von achtern. Treiben mit der Strömung fort. Und ziehen mich mit. Ich spüre die sanfte Dünung. Die aufgewühlte See. Auch wenn er das platte Land beschreibt, die Wiesen, Wälder, Äcker, oder Doris und Klaus Groth nachspürt, auf ihrer Winterreise in den Süden, immer ist seine Sprache im Fluss. Und ich, der Leser, bin mit an Bord und vertraue ihm, dem Schreiber. Er ist der Kapitän, kennt die Meere und Häfen, die Tiefen und Untiefen, die im Leben und jene in der Welt der Sprache, er weiß von Ebbe und Flut und hält Kurs. Und über allen Texten - den Romanen und Novellen, den Erzählungen, Theaterstücken und Kolumnen - über all dem schwebt eine leichte Melancholie.
Die mag ich. Sehr.

Ich blättere in "Café Treibsand". "Lange her", hat Heiner mit blauem Kugelschreiber hineingeschrieben. In mein Exemplar. Stimmt. Lange her! Ich weiß nicht mehr, ob es Sommer war oder Winter, Frühling oder Herbst. Aber ich weiß, dass es Holger Lichty war, der uns zueinander brachte. Er, der schwergewichtige Büsumer "Zahnarzt zwischen Kunst und Karies", wie er einst genannt wurde, war einige Jahre in der ehemaligen Schule in Sarzbüttel zu Hause. Und in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts - eine genaue Datierung verweigert meine Erinnerung - hat Holger uns in "sein" Dorf gelockt, dorthin, wo der Dithmarscher Schlemmerkäse seine linden Düfte in die Welt schickt. Holger wusste, dass Heiner eine Geschichte für Kinder unter der Feder hatte. Und er konnte sich vorstellen, dass in meinem Kopf Bilder wachsen würden. Bilder, die mit Heiners Geschichte spielen und sie illustrieren. Nun ja. Es sind keine Bilder gewachsen. Weder im Kopf noch auf Papier. Und Heiners Geschichte ist bis zum heutigen Tag unvollendet. Zumindest ist mir nicht bekannt, dass er irgendwann einen Schlusspunkt gesetzt hat. Hinter seine Geschichte. Egal. Es gibt einen Anfang. Den Anfang seiner Geschichte. Und den unserer Bekanntschaft.
Unserer freundschaftlichen Verbundenheit.

Ich schlage "Niebuhrslust" auf. "Aus nächster Entfernung - für Manfred", hat Heiner mit Farbstift hineingeschrieben. In mein Exemplar. Stimmt. Manchmal fühle ich dem, was fern ist, sehr verbunden. Manchmal ist mir das, was nah ist, fremd. Und manchmal liegen nah und fern eng beieinander. Wie Hillgroven und Sarzbüttel. Oder Östermoor am Eiderfluss, wo Heiner seit Jahren schreibt und schreibt und Schafe hütet.

"Die Zeit rinnt mir immer so davon, wollte dir schon lange geschrieben haben. Hab's in Gedanken wohl auch schon getan. (...) Drüben in Sarzbüttel sammeln wir Äpfel, Dithmarscher Paradiesäpfel, und mahlen sie und pressen sie in dieser winzigen Bütt und geben die Maische den Schafen. Und du, inmitten der Weingärten, schon Trauben gegessen? Und neuen Süßen im Pfälzer Hof getrunken? Oder im Schwarzen Adler? Hast du die Nachbarschaft erwandert, bis Burrweiler oder St. Martin, Max Slevogt besucht, im Kaffeegarten der Rietburg gesessen?"

Heiners Handschrift. Ich lese seinen Brief und schaue auf das Datum: 3. Oktober 1995. Damals lebten Heiner und Ricarda in Sarzbüttel. In eben dieser alten Schule, in der wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Seltsam, denke ich, es gibt Gemeinsamkeiten. Auch wir leben - seit vielen Jahren schon - in einer alten Schule. In Hillgroven. Sein Brief jedoch, der flog mir in Edenkoben zu. Südliche Weinstraße. Ich war in jenem Herbst Stipendiat im dortigen Künstlerhaus. Heiner kennt es. Er war zwei Jahre früher dort zu Gast. Friedrich Hebbel, denke ich, auch der verbindet uns. Beide bekamen wir den nach ihm benannten Preis. Heiner 1994. Ich 1983. Und es gab "Lüüd", das Magazin für Szene und Kultur in Dithmarschen, für das wir beide gearbeitet haben, in Wort und Bild. Zehn Jahre lang. Schließlich - oh ja! - auch noch dies: Wir spazierten eine Zeit lang auf Badezimmerfliesen, die einander glichen wie das sprichwörtliche eine Ei dem anderen. Obwohl Heiners Fliesen in Sarzbüttel beheimatet waren und meine in Hillgroven am Boden klebten. So viele Geinsamkeiten! Obwohl: "Bin viel zu selten in der Marsch", hat Heiner mit schwarzem Kugelschreiber hineingeschrieben. In mein Exemplar der "Winterreise in den Süden". Stimmt. Viel zu selten! Aber er ist willkommen. Jederzeit. Auch wenn wir nicht im Haus sind.

"Kamen von Norddeich und hatten Durst. Gruß H. + R.", steht auf dem Zettel. Ich weiß nicht mehr, ob es Sommer war oder Winter, Frühling oder Herbst. Aber ich weiß, dass der Zettel mit diesen kargen Zeilen eines Tages im Postkasten lag. Schade, denke ich, dass wir damals anderswo waren, irgendwo da draußen in der Welt. Und mir ist mit einem Mal, als hätt' ich einen trocknen Gaumen und verspürte Durst. Also dann: Auf dein Wohl, lieber Heiner! Allzeit gute Fahrt! Wo auch immer du gerade herumschipperst. Zu Lande und zu Wasser. Im Leben und in der Welt der Sprache ...